Aspekte und Sichtweisenzur Kapelle der Versöhnung

Der lokal-historische Aspekt
Auf dem Grenzstreifen, der fast dreißig Jahre die Bernauer Straße prägte wie kaum einen anderen Teil Berlins, kehrt das Leben zurück, wächst wieder etwas, entsteht etwas Neues.
An der Stelle der ehemaligen Versöhnungskirche, die 1985 gesprengt wurde, ist ein sakrales Gebäude entstanden.
Der spirituelle Aspekt
In einer Zeit, in der die Kirchen über sinkende Mitgliederzahlen klagen, in der sich in Stadtgemeinden oft wenige Gottesdienstbesucher in riesigen Kirchenräumen verlieren und in der in ländlichen Gebieten Kirchen verfallen und mancherorts über ihren Verkauf oder Abriß nachgedacht wird, baute eine Kirchengemeinde eine neue Kapelle.
Der Aspekt der neuesten Geschichte
Das Richtfest der Versöhnungskapelle fand am zehnten Jahrestag des Falles der Berliner Mauer statt. Aus der heutigen Sicht nehmen wir dieses epochale Ereignis viel differenzierter wahr als 1989.
Der ökologische Aspekt
Der Neubau einer Kirche an der Schwelle zum neuen Jahrtausend sollte auch in ökologischer Hinsicht zeitgemäß sein – energiepolitisch verantwortungsvoll, ressourcenschonend und nachhaltig.
Der Baustoff Lehm benötigt zu seiner Verarbeitung kaum Energie und ist jederzeit und unbegrenzt wiederverwendbar. Eine Regenwassersammelanlage und der Verzicht auf eine Heizung in der Kapelle runden das ökologische Konzept ab.
Der Aspekt der Freiwilligenarbeit In einer Zeit des Niedergangs der Vollerwerbsgesellschaft gewinnt die soziale und integrative Komponente ehrenamtlicher Tätigkeit zunehmend an Bedeutung. Bislang bleibt ehrenamtliche Tätigkeit jedoch zumeist auf einige klassische Bereiche – karitative Tätigkeit, soziale Dienste, Kulturarbeit – beschränkt. Ehemals vorhandene Ansätze ehrenamtlichen Engagements auch bei der Errichtung und der Instandsetzung kirchlicher Gebäude sind in Westdeutschland seit den siebziger Jahren, in Ostdeutschland nach 1989 praktisch verschwunden.
Der Bau der Kapelle der Versöhnung ist auch in dieser Hinsicht zukunftsweisend – in einer gelungenen Kombination von professioneller Anleitung durch eine Fachfirma und der Umsetzung durch Freiwillige konnten einerseits fachliche Qualitätsstandards gesichert, andererseits die Baukosten nicht unwesentlich verringert, zum dritten der Prozeß des Bauens transparenter gestaltet werden, Wissen vermittelt werden.
Der Aspekt der künftigen Nutzer
Ein Kirchen- oder Kapellenraum wird in einer Zeit zunehmender Mobilität und sich abschwächender lokaler Bindungen, zumal in Berlin, künftig nicht nur von Mitgliedern der örtlichen Kirchengemeinde genutzt werden.
Durch die tätige Mithilfe von Interessenten, die nicht der Ortsgemeinde entstammen, gewinnt hier ein öffentliches, dem Gemeinwohl dienendes Gebäude mit einem modernen Nutzerverständnis Gestalt, das sich nicht mehr nur über örtliche Zugehörigkeit, sondern über Interesse, Engagement und Mitgestaltung definiert.
Der europäische Aspekt
Die Berliner nehmen die Berliner Mauer häufig als ihre Mauer wahr, als eine Grenze, die in erster Linie West-Berlin und Ost-Berlin und darüber hinaus Westdeutschland und Ostdeutschland teilte. Dabei gerät aus dem Blick, daß die innerdeutsche Grenze eine gesamteuropäische Systemgrenze war. Die gemeinsame Arbeit von jungen Freiwilligen aus Frankreich und Polen, aus Spanien und der Ukraine, aus Schweden und Rumänien an der Kapelle der Versöhnung symbolisiert in besonderer Weise die Überwindung der Teilung Europas.

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